Fall 1 - 2008

Mustafa, 18 Jahre, aus Basra/Irak
Diagnose:

1. T-Zell-Leukämie, Rezidiv
2. Zustand nach Armamputation nach Fehlinfusion bei der Chemotherapie

Therapie:

Armprothese (Orthopädie-Fachgeschäft Fritsch und Richter, Erlangen-Nürnberg) 

Induktions-Chemotherapie in der Cnopf'schen Kinderklinik in Nürnberg

Durch Vermittlung von Frau Dr. Eva-Maria Hobiger, Wien, "Aladins Wunderlampe e.V.", kam im April 2008 der 18-jährige Mustafa aus Basra in Begleitung seiner Mutter zu uns nach Erlangen, um eine funktionstüchtige Armprothese zu bekommen. Dazu bildete sich ein Unterstützerkreis aus Bürgern Erlangens und Umgebung, darunter einige Ärzte.


Mustafa hatte einen langen Leidensweg hinter sich. Bei der Therapie einer Leukämie-Erkrankung, die im Irak und teilweise im Iran behandelt wurde, kam es fünf Jahre zuvor durch Fehlinfusion einer aggressiven Substanz im Rahmen der Chemotherapie zu einer massiven Zerstörung des Gewebes, so dass schließlich als letzter Ausweg der Arm amputiert werden musste. Mit einer Armprothese sollte Mustafa eine bessere Lebensperspektive und bessere berufliche Zukunftschancen bekommen. Dass dafür große logistische Anstrengungen nötig sein würden, war uns zuerst nicht bewusst. Es musste ein Quartier für ihn und seine Großmutter in einer irakischen Familie gefunden werden. Wir benötigten zudem mehrere arabisch sprechende Dolmetscher als Begleitung bei Untersuchungen und Behandlungen, bei Einkäufen, Ämtergängen und bei Besuchen.
Flug, Visa, Transport, Versicherung, Unterkunft und Verpflegung und vor allem die Kosten für eine Armprothese mussten finanziert werden. Dabei bekamen wir große Unterstützung von der Stadt Erlangen und durch den Bürgermeister Herrn Gerd Lohwasser, der auch die Patenschaft für unser Projekt „Erlangen hilft Mustafa“ übernommen hatte. Die „Erlanger Nachrichten“ unterstützten unseren Spendenaufruf durch mehrere Artikel. Wir organisierten ein Benefizessen im E-Werk, dem Erlanger Kulturzentrum.


Dabei unterstützten uns Mitbürger aus Afghanistan, der Türkei und mehreren arabischen Ländern und eine Klasse des Emil-von Behring-Gymnasiums Spardorf. Die Islamischen Gemeinden und der türkische Frauenverein Erlangens organisierten eigene Spendenaktionen. Das Erlanger Orthopädie-Fachgeschäft Fritsch und Richter, in dem auch ein irakischer Orthopädie-Meister arbeitete, übernahm die Anfertigung der Prothese und trug anteilige Kosten. Die Hilfsbereitschaft in der Bürgerschaft für Mustafa war überwältigend. Er wurde zum Interview von Schulklassen eingeladen, war aber im Vergleich zu gleichaltrigen Schülern kleiner und schwächer.
Eine Routine-Untersuchung bei einem Arzt aus unserem Unterstützerkreis ergab dann das schockierende Ergebnis, dass die vermeintlich besiegte Leukämie-Erkrankung wieder zurückgekehrt war. Eine notfallmäßige, sofortige Einweisung in die Cnopf`sche Kinderklinik in Nürnberg zur Einleitung einer modifizierten Chemotherapie wurde notwendig. Für die Krankenhauskosten kam der „Verein zur Förderung des Tumorzentrums der Universität Erlangen-Nürnberg" mit einer großzügigen Spende auf. Mustafa erholte sich und konnte mit einer funktionsfähigen Armprothese mit seiner Mutter zurück in die Heimat reisen. Er reiste in eine schwierige und unsichere Zukunft.
Das Therapieschema zur Fortsetzung der Therapie gaben die Ärzte der Cnopf'schen Kinderklinik mit auf den Weg. Für die Bereitsstellung der nötigen Medikamente und Materialien sorgte die Organisation von Fr. Dr. Hobiger mit regelmäßigen Hilfslieferungen in die Kinderklinik von Basra. Eine Zeit lang konnte die Krankheit in Schach gehalten werden. Leider erhielten wir die Nachricht, dass Mustafa nur ein Jahr überlebt hatte. Bei fehlenden Mitteln konnte im Irak keine Stammzellentransplantation durchgeführt werden, die ihn vielleicht hätte retten können.


Diesen tragischen Verlauf mussten wir vom Unterstützerkreis verkraften und verarbeiten. Alle unsere Anstrengungen vor Ort und die Hilfe in Basra konnten das Leben von Mustafa nicht retten. Der "Fall Mustafa" hat in unserer Region ein tiefes Mitgefühl bei den Bürgern ausgelöst und sie auf die schreckliche Lage der Menschen im Irak aufmerksam gemacht. Es ist ein Netzwerk von solidarischen Bürgern entstanden, die sich "sozial infizieren" ließen. Mustafa und seine Familie konnten erleben, dass uns ihr Schicksal nicht kalt lässt.
Bittere Wahrheit ist aber, dass "Mustafa" für Abertausende anderer junger Menschen steht. Die Aktion "Erlangen hilft Mustafa" war den Anfang einer fortgesetzten Friedensarbeit durch individuelle Hilfeleistung. 

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